Rampenlicht

Solingen und Kultur. Das geht ja man gar nicht. Wird immer wieder behauptet. Ist aber einfach nicht wahr. Sehr wohl ist in dieser Stadt mehr los, als manche wahr haben wollen. Oder soll man sagen: War mehr los, als manche sich das heute vorstellen können. Aus der Abenddämmerung der freien und vielfältigen Solinger Künstlerszene (damals stritt man sich noch nicht über Pächter in einem zwangsgeplanten Kulturgüterschuppen, sondern Künstler machten in irgendeinem Schuppen irgendetwas Gutes auf) stammt die eigenständige Publikation "Rempenlicht – Programmzeitung für Solingen". Sie erschien etliche Male – und futsch war das Gründungskapital. Inserenten fanden sich ein paar wenige. Um nicht zu sagen: ein paar Dutzend zu wenig, damit es hätte weitergehen können.

 

 

 Solingen. Gleich hinter Brooklyn.

 

Um was es geht, steht auf dem Titel: Um das, was man landläufig unter gepflegter Kultur und Unterhaltung versteht, inklusive dem Ansatz, Etabliertes nicht zu schmähen und Alternativem das gleiche Recht einzuräumen.

Nun ist man leicht versucht zu sagen, das wäre man in dieser Stadt nicht gewohnt (oder wäre es seinerzeit nicht gewohnt gewesen). Nein, das stimmt ganz und gar nicht. Die Solinger Kunstszene, wie immer man sie auch definieren mag, ist so dysviral gar nicht, wie man sie immer abtut. Sie wird nur nicht im öffentlichen Leben erstens zur Kenntnis genommen und zweitens von den etablierten Institutionen in Politik und Öffentlichkeit als förderungswürdig anerkannt – über Feigenblattaktionen wie Minimalspenden und Weitergabe von ohnehin fremden Fördergeldern hinaus (so ist das ganze Südpark-Projekt, für das sich die Solinger Politik selbst auf die Schulter klopft, nichts anderes als Landes-Geld. Aber immerhin, die Stadt hat die Chance genutzt.)


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Herzlichen Dank an Andreas Schäfer, der diese einzigen noch erhaltenen Druckexemplare für die Reproduktion zur Verfügung stellte.

Roxy, das war mal ein Kino (am Entenpfuhl, dem wahrscheinlich ursprünglichsten und namensgebenden Teil Solingens, noch vor der Gründung Fronhof). Hier sollte ein Kulturzentrum entstehen – im leerstehenden Roxy. Und es wurde ein Kulturkampf, meist hinter den Kulissen. Zusammengefasst: es ist der Vorläufer des Vereins "Die Provinz lebt", die mit dem Veranstaltungsort Cobra (Merscheid) zwar "Independence" nach Solingen brachte, aber (wie das nun mal so mit freier Kultur ist) auch in den monetären Kollaps (sprich Insolvenz) führte. Was immer man auch über Solingen sagt und wie immer man auch urteilen mag: Die Förderung von Kunst, Kultur und freiem Denken war und ist in dieser Stadt keine Herzensangelegenheit, der Zuschüsse und ein Mäzenatentum folgen. Alles ist Stückwerk, alles bleibt Zufall, alles war und ist temporär.

 
 
 

 

Viel oder wenig los in Solingen – nun das muss jeder selbst beurteilen. Immerhin, für eine Stadt, der man "tote Hose" nachsagt, gibt es erstaunlich viel Insiderisches.

 
 

Ich verwette meinen Kopf: da stehen jetzt einigen die Tränen in den Augen: "Ja, früher .... !!! !!! !". – Tja, früher ! Da war die Welt noch heil: Luis Bunuel machte uns mit Begierden vertraut und Geld war auch schon keins da, vor allem für den Denkmalschutz. Der unvermeidliche Herbert Rafflenbeul zauberte auf der einzigartigen Konzertsaal-Orgel, in Gräfrath gab es sogar Untergrund-Kino und the Flower Street Company groovte uns in Rausch. Selbst Remscheid kannte Folklore und die Hangkgeschmedden retteten die Muttersprache Solijer Platt in eine ungewisse Zukunft ...

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Bei Saarstraße (rechts) fällt mir immer wieder der geniale Kabarettist Werner Finck ein, der quasi mitten im Publikum monologiserte (seine berühmten Halb- und Nicht-Sätze) – auf Armeslänge entfernt, buchstäblich Auge in Auge. Drei seiner überlieferten Zitate/Bonmots: "Humor ist die Lust zum Lachen, wenn einem zum Heulen ist." – "Auch die Bretter, die man vor dem Kopf hat, können die Welt bedeuten." – "Die schwierigste Turnübung ist immer noch, sich selbst auf den Arm zu nehmen."

Kaum war's veröffentlicht, kam eine Email von G.M.: "Es können einem wirklich die Tränen kommen, wenn man mal wieder sieht, was früher so alles „los“ war in dieser Stadt.
 
Nachzutragen wären aus meiner Erinnerung noch der legendäre (in Jazzerkreisen) „Jazz-Club-Ritterstraße“ (F.J.Schwarz !), wo fast regelmäig weltbekannte
Solisten auftraten (oft noch spät nach Mitternacht aus Köln kommend, nach einem Auftritt mit der „Kurt Edelhagen WDR-Bigband“). Weiterhin zur gleichen Zeit der „Jazz-Club-Saarstraße“.
 
Für relativ kurze Zeit gab es vor Jahren danach auch mal eine Art Jazzclub im Keller der alten Beckmann-Brauerei an der Schützenstraße.
 
Viel später dann noch, wenigsten während einiger Jahre, einmal pro Monat das „Sidewalk-Hot-Jazz-Orchestra“ (Erich Heidelberg u.a.)
in der „Quitte“ im Ittertal."





Jung, do wor jet loss ...










The "who is who" der independence scene – und ... erinnern Sie sich noch ???

Buddhi heißt zwar Khirtisena, und die Batiken sind von und für die Ceylon-Direkthilfe – der Rest aber ist echt Solingen. Vor allem der viel zu vergessene Ernst Walsken hätte auch heute wieder mehr Aufmerksamkeit verdient.

Ernst Walsken – übrigens der Vater des langjährigen SPD-Abgeordneten Ernst Martin Walsken – gehört zu den durchaus nicht kleinen, illustren Schar Solinger Künstler, denen summa summarum die Anerkennung ihrer wirklichen Leistung in der gebührenden Form verwehrt geblieben ist. Auch wenn er eine sehr hohe Solinger Auszeichnung erhalten hat: er war Träger des Ehrenringes der Stadt Solingen Gerade bei ihm fiele es sehr schwer, dies nur als "Künstler-Schicksal" abzutun, denn seine Werke sind sozusagen "selbst erlitten" – Reflexionen auf eine elende Zeit in Nazi-KZs.

Walsken, ein stiller, ruhiger – fast scheuer – Mensch, führte über lange Zeit ein Maler- und Tapetengeschäft an der Bushaltestelle Weegerhof. Ich weiß noch, wie ich als kleiner Junge (im Weegerhof wohnend) dort öfters einkaufte, im Ansatz nicht ahnend, welche Persönlichkeit mich da bedient. Und wie sie so sind, die "Bürgerlichen" in der "Normalgesellschaft", es hieß über ihn, mit gesenkter Stimme, geheimnisvoll raunend, "der hat Schlimmes durchgemacht". – So wie heute das DDR-Unrecht gerne und erfolgreich verdrängt wird, war es auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Nazigräueln. Man wollte einfach nicht wissen, was alles passiert war. Noch die Erinnerung war zu belastend für manche Gemüter. Um so wertvoller, dass die Erinnerungen und Zeugnisse daran und darüber nicht verloren gehen.



Die Solinger Band-Szene war und ist bunt – und durchaus auch erfolgreich. Wollte man einzelne Beispiele nennen, wäre die Liste der Sache und Gerechtigkeit wegen schon ellenlang. Und so vital-vielfältig, dass man es kaum glauben mag. Doch diejenigen, die in den 60er-, 70er- und 80er Jahren Jugendliche waren, erinnern sich an viele, von denen auch etliche noch heute aktiv sind – in Solingen und/oder irgendwo auf der Welt. Es sind auch weniger die reinen Solisten, die in Solingen eine Chance hatten als vielmehr individuelle Leistungen im Ensemble, in der Band. Metaphysisch bewertet passt dies auch genau zur Solinger Mentalität: Der einzelne lebt (und wird "groß", bedeutend) durch die Gruppe, die Gemeinschaft.














Leider waren die vier Pilzköpfe ja nie hier zu Gast – aber ihr Einfluss in den 60er Jahren war mindestens ebenso stark wie in London oder San Franzisco. Ergo werden sie auch memorial zelebriert.

 
 

 Früher alternativer Kommerz ...

 

Erinnern Sie sich noch? Als noch Kaufhof, Karstadt, Kaufhalle völlig normal und intakt waren, als die Fachgeschäfte auf der Hauptstraße der Käuferherzen Wünsche erfüllten, da gab es schon vereinzelte "alternative" Läden und man hörte zum ersten mal von Bio, Öko und so – stand dem aber skeptisch gegenüber. Eben: Kunst und sinngeprägter Kommerz geht immer der Zeit (weit) voraus.

Aber immerhin gab es Programmkneipen und etliche Keller, in denen man die Konfrontation mit dem Establishment mit Lust und Wonne auslebte.

Tja, diese Leiche namens Rampenlicht würde auch Agatha Christie nicht mehr zum Leben erwecken können. Zumal das Ding heute ein Internet-Portal wäre und nicht gedruckt würde. Obwohl – so ganz stimmt dies auch nicht, denn es gibt in dieser Stadt tatsächlich einige Szenenzeitungen, die nicht jeder kennt und andere sie als selbstverständlich hinnehmen. Bis auch sie vielleicht eines Tages nur noch Geschichte sind.