Totterblotschen (22)

Früher. Je jünger man ist, desto unverständlicher muss einem dieser Begriff bleiben. Denn es fehlen logischerweise jegliche Erfahrungen zu dieser Art von Gefühl, "das sei schon mal was gewesen". Je jünger, desto selbstverständlicher muss einem alles neue erscheinen, was einem begegnet. Und irgendwann kommt dann das Alter, es ist nicht in Jahren, sondern eher in Mentalitätszuständen zu definieren, da ist alles, was einem neu erscheint, überhaupt nicht mehr selbstverständlich, weil man es mit dem "früher" vergleicht. Der Fluch des Alters, der Erfahrung, ist eben: man weiß, was es neben dem Neuen sonst noch geben könnte – weil es das früher schon gegeben hat. Und dann findet man irgendwann irgendwie plötzlich alles Neue für nicht mehr begehrenswert, weil es nicht mehr der Erinnerung an das "früher" genügt. Und will zurück, zu dem, was man im Schatzkästlein seiner Erinnerung oder Ahnung aufbewahrt hat. Dem "früher".

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Solingen, also doch Wiege der Kultur !

Es gibt Städte, denen haftet das Vorurteil des Drögen, der geistig-kulturellen Diaspora, der in Langeweile umschlagenden Belanglosigkeit an. Wie Hannoveraner sagen, sei die diesbezügliche Bundeshauptstadt eben jenes biederbürgerliches Städtchen an der Leine. Solingen an der Wupper folgt dem aber irgendwie auf dem Fuße.

Insider behaupten schon immer: diese Ansicht ist FALSCH. Richtig! Hier ist mehr los, als die meisten ahnen. Nur verbirgt es sich oft ein wenig – ein wenig zu viel. Und es gilt immer noch die Sichtweise der "down under"-Menschen, die dort unten am Strom, dem Rhein. Für Adenauer, einem typischen Kölner, war Solingen Grenzort nach Sibirien. Und deshalb nehmen die Tiefländer die geistigen Höhenflüge, immerhin gut 150 Meter über ihren Köpfen, selten gebührend zur Kenntnis. Eine Ausstellung über Pop allerdings revidiert dieses Bild gebührend; der WDR berichtet darüber angemessen.

Screenshots der WDR-Homepage

S.Y.P.H. – zugegeben, diese Solinger Band wurde am allerwenigsten in Solingen seinerzeit, vor gut 30 Jahren, verstanden. Sie hatte ihr Publikum auch eher in Düsseldorf. Der Ratinger Hof als Mekka des damaligen PunkRock. Zu wild, zu abgedreht, und letzten Endes auch schlichtweg zu laut, zu frech sowieso für Solingen war diese Band. Doch, wie das Leben so spielt. Der damalige Schlagzeuger, Ulli Putsch – nomen est omen !!! !!! !!! – knüppelte nicht nur bei den relativ wenigen Auftritten in Solingen alles nieder, was nach damaliger bürgerlicher Schulzenmusik sich anhörte, sondern fand im Laufe seiner ereignisreichen Musikerkarriere zu einem Stil, der einerseits wiederum der Zeit wenn nicht voraus, dann aber zumindestens cutting-edge-Trend ist und der all das, was das "Menschliche" ausmacht, wieder in sich vereint: World Music. Noch immer pop-rock-punk-mäßig rhytmisch, doch fernab jeglichen Protestes, den die Musik seinerzeit auslösen wollte und der Umbrüche, die sie eingeleitet und begleitet hat. Sei noch angemerkt, die S.Y.P.H.-Platten haben heute längst Kultstatus und werden unter anderem – man lese und staune – in Japan als Ikonen der Musik gehandelt. Echt und ernsthaft.



Verrrückt. Bekloppt. Genial. Bescheuert. Visionär. Abgedreht. Übergeschnappt. Sensibel. Konstruktiv. Asozial. Ehrlich. Direkt. Unterbelichtet. Emotional.

.... Nehmen Sie doch irgendein Urteil. Irgendeiner wird es schon so gesagt haben. Die Gruppe wollte ja provozieren. Wollte spalten – in solche, die ihr zuhören und andere, denen sie nichts zu sagen hatte. Das große Missverständnis über den Punk ist wohl, dass es neben der reinen ursprünglichen Musikszene auch eine dubiose politische Gemengelage gibt, die zwischen dumpf und aggressiv, trittberettfahrerisch und destruktiv schwank und die es immer wieder versteht, vom rein musikalischen Teil der Begrifflichkeit abzulenken. Sehr schade. Vor allem im nachhinein betrachtet.

Vor allem war S.Y.P.H. aber ein: ein Bindeglied zwischen Zeiten sehr verschiedener Weltanschauung.
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Noch heute ist Köln, stärker vielleicht sogar noch als früher, ein Mekka der deutschen und immer mehr internationaler Musik. Ein Schmelztiegel, der Ungeheures zustande bringt. Da passt Karneval und seine Bands plötzlich nahtlos in Mallorca-Disco ebenso wie in fetzigen Rock, es stehen afrikanische Elemente (siehe unter anderem "Mama Afrika") neben Urkölner Stilen, die auch der Musikwelthauptstadt New York gut täten – beispielsweise Stilbildner wie BAP, Wolfgang Niedeggen. Und alles, was auch nur irgendwie nach offizieller Kultur riecht, ist hier sowieso gut aufgehoben, nicht zuletzt durch den in Musikdingen ungeheuer fördernden WDR, sondern auch die unüberschaubar vielen Aktivitäten auf allen Ebenen. Von Oper bis Jazzschuppen. Die Akteure dieser Szene sind fast ausnahmslos stark profilierte Persönlichkeiten, "jett bekloppt", wie der Kölner sagt, müssen sie allemal sein. Was sie aber damit erreichen und bewirken, ist eine Lebendigkeit musikalischer Genres, wie es sie kein zweites Mal in Deutschland gibt. Kein Wunder, dass um Köln herum, auch und gerade im Bergischen, viele Musiker wohnen, die den Begriff "Rheinischen Pop" durchaus rechtfertigen.

So verrückt es auch klingt, vielleicht ist es sogar noch einiges zu früh, um die Bedeutung der Protagonisten experimenteller Stile einzuschätzen. Sicherlich wird der Einfluss und die Genialität des soeben verstorbenen Karlheinz Stockhausens erst in Jahrzehnten wirklich voll durchgeschlagen sein. Seine Ideen sind schon längst um die Welt gegangen und wirken in zigfacher Weise im Verborgenen wie in offen zutage tretenden Trends – auch und vor allem in der "modernen Klassik".
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Ausstellungen und Aktionen, um sich über diese Epoche der Musikgeschichte zu informieren, gibt es reichlich. Der Bezug zu Solingen, siehe oben, ist sicherlich auch in der Klingenstadt kaum (noch) bekannt. Schade.




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Solingen und seine Legende:

Gregor Wundes herzlichen Dank für die Zurverfügungstellung dieses Artikels.

Deutsche Arbeitsfront
Nr 65 Ausg. A vom Feb. 1935'

Diese Zeitung war – wie wir in der rückblickenden Wertung sagen – ein "Nazi-Propaganda-Blatt". Was die heroische Darstellung erklärt, aber nicht den Wahrheitsgehalt der geschichtlichen Fakten schmälert.