Totterblotschen (24)

Von wegen "falsche Fuffziger". In den Fünfzigern (des vorigen Jahrhunderts) war diese Stadt noch eine Mischung aus Übriggebliebenem (was die Bombardierung und auch ansonsten die Zeiten überlebt hatte) und Neuem – damals gerne auch "Moderne" genannt. Auch wenn es belanglos war, Hauptsache, es war modern. Und für viele, die sich diese Seiten anschauen, ist es ein Blick zurück in die eigene Jugend. Bei der man in aller Regel ans und ins Schwärmen kommen kann. Bei dieser Gelegenheit herzliche Grüße an die Solinger in aller Welt; nach wie vor erreichen mich Emails von gebürtigen Solingern, die jetzt beispielsweise in Düsseldorf wohnen und Heimweh haben. Wie muss sich das dann erst in Chile, Alaska, der Mongolei oder Südafrika anfühlen?

.

2008

Joden Rötsch ... ! – Bliëff em Vazunn

Ich wünsche allen, die an den Erinnerungen an Alt- und den Gruseligkeiten von Neu-Solingen immer wieder oder noch immer Spaß haben und treu die Seiten besuchen – laut Zähler auf dem Server waren es 2007 über eine halbe Million – ein glückliches Neues Jahr. Bleiben Sie ordentlich beeinander – em Vazunn ("in der Fasson").
Hans-Georg Wenke

Michael Lohe kramte dieses Bild seines Großvaters Max Lohe (5. v. l. obere Reihe) aus. Es entstand 1924 in der Rahmenfeilerei des WKC (WKC fertigte u. a. Fahrräder, aber auch Blankwaffen, in seinen verbliebenen Gemäuern ist heute das alte Rathaus untergebracht, das neue wird unmittelbar daneben gebaut – ein "Jahrhundertprojekt").
Ja, das sind sie, die strammen Kerls, auf die Solingen so stolz war und ist und die den legendären Ruf von Solingen als Stadt der (Stahlwaren-)Qualität gründeten. Ihr Motto: pflichtbewusste Treue; zu ihrer Arbeitsqualität, zum Arbeitsplatz, zur Stadt und zur Idee der sozialen Gemeinschaft (an der es heut so spürbar elend mangelt). Max Lohe war – wie fast alle seiner Kollegen – "strammer Gewerkschafter". Die Urkunde für 70 Jahre IGM (und Vorläufer-Gewerkschaften) nahm er 1977 entgegen.
.


.

Wiër emol de Lektersche

Wie kam man einst zur Arbeit? Nicht mit dem Auto, sondern mit der Lekterschen oder zu Fuß. Denn bei allen Beschwerden über den heutigen ausgedünnten Fahrplan – soooo oft fuhren die rumpelnden Ungetüme damals auch nicht. Und waren keineswegs immer gut besetzt. Aber sie ernährten mindestens 2 Mann pro Wagen, den Fahrer und den Schaffner – oft sogar noch den dritten Mann im Anhänger, dort, wo fleißig geraucht weden durfte. Die Aufnahme entstand 1950 am Pfaffenberger Weg. 1929 war die Strecke nach Hästen eröffnet worden.


.

1957 in Vohwinkel. "Die 3" steht abfahrbereit Richtung Gräfrath, von dort weiter über Central, Mühlenplatz, Dreieck nach Krahenhöhe und ggf. sogar weiter bis Burg, Brücke. Im Hintergrund die Endhaltestelle des rund 13,5 km langen Wuppertaler Schwebebahn-Lindwurms. Hier wendeten die am Dach mit wuchtigen Rädern aufgehängten Züge quietschend auf engstem Radius, um sich dann abschüssig hoch über der Straße Richtung Sonnborn / Stadion Zoo auf die Wupper zuzustürzen, deren kurvenreicher Verlauf das Tragegestell bis Oberbarmen folgt.


.

Es gab zwar manchmal auch Leerwagen, aber ganz offiziell einen Lehrwagen – eine Fahrschule und Trainingsgefährt. Hier alledings scheint dieser Wagen von Menschen gut besetzt, na ja, schließlich muss man ja mal am lebenden Objekt ausprobieren, wie schwungvoll man schon mit der Kurbel umgehen kann. Bei diesen Wagen weiß man übrigens nie, ob sie nach links oder rechts fahren, also wo momentan vorn und hinten ist – beide Frontpartien sind identisch. Warum der Lehrwagen jedoch wie ein Trauerwagen lackiert ist, bleibt nachträglich ein Rätsel. 1957 am Birken fotografiert, also auf der Strecke Krahenhöhe—Burg.


.

An der Meisenburg fuhr 1955 deises Gespann der Linie 6 an einem damals hochmodernen "Brezel-Käfer" vorbei; so genannt, weil die Rückscheiben an einen Brezel erinnerten – und nicht, weil sich die Leute über diesen Wagen gebrezelt haben. Im Gegenteil, man war "stolz wie Oskar" dadrauf, vor allem, wenn es – wie hier – ein Wagen mit Verdeck war. Diese Autos hatten noch Winker statt Blinker, einen Heckmotor mit um die 30 PS und winters kroch man unter den Wagen, um die Heizungsklappen umzulegen; der dazugehörige Drahtzug klemmte meistens. Übrigens handelt es sich bei diesem Käfer um eine Luxus-ausführung. Woran zu erkennen? Am Rückfahr-Scheinwerfer!


.

Am wirklichen Dreieck, das damals ein echtes Gleis-Dreieck war, steht dieser Dienstwagen bereit. Die wunderschöne Hillers-Pfefferminz-Reklame (siehe Karten unten auf dieser Seite) ist zerbomt, zerstört; in der Innenstadt ist man um diese Zeit, 1950, dabei, mit aller Kraft gegen das Chaos der Kriegsfolgen anzukämpfen. Die Straßenbahnen waren die unersetzlichen Mobilitäts-Garanten, ohne die das Leben extrem schwieriger gewesen wäre. Deshalb hat man die Schienen als erstes nach dem Krieg repariert und die Wagen wieder aufgerüstet oder neue angeschafft.


.

Wer noch einmal das echte, wahre Tram-Feeling erleben möchte, dem sei intensiv das Straßenbahnmuseum in Kohlfurt (Grenze Wuppertal / Solingen, direkt an der Wupper) empfohlen. Im Sommer fahren an etlichen Sonn- und Feiertagen die liebevoll von Vereinsmitglieder restaurierten Wagen auf einer gut unterhaltenen Strecke. Ein Super-Spaß vor allem auch für Kinder.


.

Vor exakt 100 Jahren fuhren Straßenbahnen von Barmen bis nach Solingen-Krahenhöhe. Und zwar von der Wupper nach Ronsdorf hoch, dann wieder ins Eschbachtal hinab und entlang, bis nach Müngsten an der Wupper und dann wieder den Berg hoch bis Krahenhöhe. Und das auch noch stündlich !

.

.

.

.

.

Barmen hatte mit der Barmer Bergbahn ohnehin eine totale Kuriosität: eine echte, richtige Zahnradbahn, aber eben nicht "im Gebirge", sondern mitten in der Stadt ! Da kommt doch fast schon San-Francisco-Feeling auf.


.

.

So sah übrigens in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts, nach dem 2. Weltkrieg, das Solinger Streckennetz aus. Ein Original-Fahrschein lässt ahnen, wie wichtig der Schaffner war: Er musste für jeden Fahrgast mit der Lochzange die Zahlgrenzen markieren bzw. die Strecke, die der Fahrgast mitfahren wollte. Links die Tafel der Uhrzeiten, damit man auch nicht fuschen konnte.

Der Tarif war engmaschiger als heute, alle paar Haltestellen war Zahlgrenze.


.
.

Vor 1960 sah es am Mühlenplätzchen noch so aus: Baracken – aber genau das, was auch heute da ist: ein Shopping-Center, eine Mall – eben nur im Stil der damals noch bescheidenen, armen Zeit (wie schon oft erwähnt: die ahnungslosen Heutigen mögen nicht immer die großen Worte von der Modernisierung in den Mund nehmen, vieles in Solingen, was als neu gepriesen wird, ist lediglich eine Wiederherstellung oder Fortschreibung des Bisherigen oder Gewesenen – gell, Herr Oberbürgermeister). Oben am Bildrand ist die Hasselstraße zu sehen, noch ohne die verschiedenen Siedlungen der 70er Jahre. Darunter die Kleingartenanlage Klauberg – gewissermaßen auf freiem Feld. Bildmittig über den Zuckerhut-Betontümen von St. Clemens die Margaretenstraße und die SBV-Siedlung um die Schiller-/Vereinsstraße, auch die Klauberger Straße ist gut zu sehen. Wo heute die Goerdeler Straße auf die damalige obere Haupt-, heutige Konrad-Adenauer-Straße trifft sind noch die Reste alter Gastronomie-Bebauung zu sehen; hier war einst der legendäre Bayrische Hof, Haupt-Versammlungsort politischer Aktivitäten. Und am spitzen Dreieck vor der Deutschen Bank stand das legendäre Kriegerdenkmal von 1870/71. Unterhalb der St.-Cl.-Kirche die alte Volksbank, in deren Räumen auf der oberen Etage die Schule von Mally Jansen war, in der tausende Solinger Steno und Scheibmaschine schreiben gelernt haben. Unten im Bild ist schon das neue Tageblatt-Gebäude zu sehen und etliche der Gebäude, wie sie bis heute in der Mummstraße erhalten geblieben sind. Der Straßenschlenker rechts unten im Bild existiert heute so nicht mehr, geblieben ist eine schmale Fußgängerzone zwischen Clemens-Gallerie und dem P&C-/Kaufhof-/Saturn-Gebäude. Der (dunkel erscheinende) "Park" in der Bildmitte ist der ev. Teil des Friedhofs Casinostraße.
.

Kurios: diese Luftbildkarte ist gemäß damaligen Bestimmungen von einen Ministerium freigegeben; aber nicht dem zuständigen nordrhein-westfälischen, sondern dem Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr. Wahrscheinlich wegen des Rests vom Bayerischen Hof ... :-)

Eine Stadt im Umbruch

Eine Postkarte aus dem Jahr 1956 zeigt Merkwürdiges: Motive noch von "vor dem Krieg" und vom Straßenbild in den 50ern - bunt gemischt.

Cramers Kunstanstalt, Dortmund

Das typische Bild vor dem Krieg. Man bestaune die wirklich flotten Autos.

Aus Richtung Meigen / vom Feld aus gesehen – vor dem WW2. Noch ist die Stadt wirklich eine Stadt mit viel Umland.

Eine trutzig-feste Burg, das Zwillingswerk; ihm gegenüber Fr. Herder Abr. Sohn.

Der Name "Dreiecksplatz", der auf der Karte vermerkt ist, ist auch eine nette Variante. Übrigens: haben Sie noch den Geschmack von Hillers Pfefferminz im Mund?

Das stolze neue Gebäude der Industrie- und Handelskammer. Das Tollste daran aber ist – der Parkplatz direkt vor dem Hause.

Auch heute darf dieses Gebäude an "Ein' feste Burg ist unser Gott" erinnern, denn es ist derweil eine christliche Begegnungsstätte.

Bestes Wasser der Welt – aus der Sengbachtalsperre.