Totterblotschen (4)

Ansichten über Solingen. Das könnte man wörtlich nehmen und sich auf die Bilder beschränken, die sich dem Auge bieten. Aber schon da geht es ja los. Was ist, vor allem angesichts digitaler Fototechnik, heute noch ein Bild? Hieß es früher, glaube nur der Statistik, die Du selbst gefälschst hast, muss man heute sagen, glaube nur dem Bild, das Du selbst manipuliert hast. Und dann auch noch die vielen Lichtstimmungen, die Standorte, – und erst recht, was nicht auf den Bildern zu sehen ist. Kommt vor allem aber hinzu, dass ein jedes Bild sich erst im Kopf formt. In den Gedanken, beeinflusst durch Vorurteile. In den Bewertungen, gefiltert durch Erinenrungen und Assoziationen. Also eine Ansicht über Solingen zu präsentieren, mit Betonung auf "eine", ist schlichtweg nicht möglich.

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Es ist unglaublich, wie kurz erst die ferne Vergangenheit her ist (was man übrigens in Ebay daran erkennen kann, dass Kiddies Sachen aus den 60er/70er Jahren ohne Scham als "antik" bezeichnen). Hier ein Büro, aufgenommen am 2. November 1978 in einem bekannten Solingen-Weyeraner Unternehmen für Rohr- und Räderfertigung. Der Herr hatte tags zuvor Geburtstag, daher die Blumen. Immer aber im Zimmer die aparte Waschgelegenheit samt wuchtigem Spiegel und stilsicherer Beleuchtung, die von kundiger Hand genähten Gardinen, die obligatorischen gefüllten Rein-Raus-Körbchen, die Stempel und das ultramoderne Telefon. Der Schiebeschrank mit Formularvorrat schafft eine arbeitsfördernde Athmosphäre.

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Noch muss die Welt ein paar Jahre auf Funk- und Mobiltelefone verzichten; und auch die Rechenmaschinen wurden, wenn ich nicht irre, noch mit Briketts geheizt. Man rauchte noch, der Aschenbecher vorne rechts beweist es; und weil man ja wichtige Arbeiten verrichtete, zum Beispiel Frachtpapiere ausfüllen, musste man eine Krawatte tragen bei der Arbeit. Immerhin hat das Büro eine Klimaanlage, was es als eines der Luxusklasse ausweist.

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Auch diese Büros sind gerade mal 30 Jahre alt, die Damen damals auch. Ich erinnere mich noch gut daran, die IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine als wahre Ausgeburt an Luxus erleben zu dürfen. Nachdem man sich bei Mally Jansen 3 Jahre mechanisch bis in die Leistungsschreiber-Klasse hochgehackt hatte, waren diese schnurrenden Dinger (ähnlich der Lautstärke einer Kalaschnikow) ein wahrer Segen. Auch hier: Rechenmaschinen von der Größe einer heutigen kleinen Mikrowelle.

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Die Damen-Bürobilder entstanden in den Alt-Räumen eines überaus erfolgreichen und heute zu Recht weit gerühmten Versandhauses in Solingen.

Ob Mobbing seinerzeit (abgesehen vom Wort) total unbekannt war, will ich nicht behaupten. Auch nicht, dass man sich den ganzen Tag aus Rühseligkeit knutschte. Aber gegenüber der heutigen verbreiteten ärmelschonerlosen Hau-Weg-die-Kollegen-Konkurrenz-Mentalität arbeitete man noch als Team, als Mannschaft, die auch manches Mal zusammen in fröhlicher Runde feierte. Tut man heute auch noch, aber damals, so wird berichtet, trank man aus Fröhlichkeit. Heute, sagen manche, um fröhlich zu werden. Auch auf diesem Bild beachte man die üppige Designer-Ausstattung des Interieurs.

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Prachtvolle Unterschriften auf einem wichtigen Zeugnis: dem der Entlassung –  ins Leben. 1922 ausgestellt und mit allem versehen, was heute in der modernen Pädagogik als verpönt gilt. Nämlich den so genannten Kopfnoten: Betragen, Fleiß, Schulbesuch. Heute werden in Zeugnissen Sozial- und psychiatrikuläre Kreuz- und Quer-Diagnosen geschrieben, die früher unmittelbar als Krankenakte in Galkhausen Verwendung gefunden hätte. Und statt ominöser Punktzahlen aus der obskuren Mengenlehre gibt es klare Urteile: genügend, ziemlich gut und dergleichen. Selbst Schönschreiben wird benotet. Heute kann man als Analphabet Abitur machen. Wer sollte auch die Qualifikation prüfen? Doch nicht etwa die Lehrer? Die sind längst entgegen ihrer Motivation und ihren Fähigkeiten zu Planerfüllungsgehilfen degragiert, woran gemessen Kolchosenknechte im Ur-Sowjet noch als selbständige Unternehmer zu gelten haben. Allen heutigen Computerbesitzern einmal in Erinnerung gerufen:
die (Kult-)Ur-Schrift der Deutschen hieß nicht Arial, sondern schwungvolle Handschrift mit Zierversalien.

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Eine katholische Knabenschule, Volksschule zu Solingen. Heute regt man sich über religionsradikale Forderungen nach einer Koranschule auf. Zweifellos zu recht, aber sooooo weit ist es auch noch nicht zurück, dass patriotisch-religiöser Fanatismus bei uns allgegenwärtig manifest war.

Übrigens, an diesem eher banalen Dokument kann man lernen, was der Unterschied zwischen einer Email und Handschrift ist. Emails werden heute meist geschrieben, ohne den Kopf großartig zu belasten. Diese Form von Handschrift – vollziehen Sie die Bewegungen einmal detailliert Strich für Strich im Geiste nach – zwingt einen unweigerlich zu einem Rhythmus und dazu, über das Geschriebene geradezu zu meditieren. Solch eine Schrift bekommt man nur konzentriert hin.

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Gewerbliche Fortbildung, also Berufsschule: es genügen Deutsch und Rechnen, um zu bestehen und ein erster Einblick in die Buchführung wird auch noch bescheinigt ("in Buchführung hat er einen genügenden Anfang gemacht").

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Nicht jeder war ein Überflieger, aber alle hatten ihre Chancen. Auch mit "kaum genügend" in den Fächern wurde der Schüler versetzt. Ingenieur Max Müller von Kronprinz nahm es gelassen und mit ppa., also Prokura, zur Kenntnis.

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So sahen sie früher aus, die Fachgeschäfte fürs Leckere. Zwar gab es schon mit heute vergleichbare Discounter (von wegen, nur heute wäre alles auf billig gemacht; dies ist der größte Schwachsinn, der erzählt werden kann), aber wer es sich leisten konnte, kaufte vornehmer, feiner. Und eben entschieden teurer. Solche Läden waren "für die bessere Gesellschaft", für die Haute Volée, wie man früher sagte. Kann sein, dass man dort auch, wie in Arme-Leute-Geschäften, anschreiben lassen konnte. Aber dann war die Rechnung freitags oder samstags eben um so höher.

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Die Karte lief vor dem 1. Weltkrieg von Solingen nach Solingen. Ein genaues Datum ist nicht zu identifizieren, ebenso nicht die Adresse des Ladens.

Werbung von anno dunnemals: Kaiser's Brust-Caramellen gegen Husten u. Katarrh, Sunlicht Seife, Reeses Backpulver, Nestlé Kindermehl und Maggi.

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Blick ins Schaufenster und weiter in den Laden: fein sortiert stehen die Delikatessen dort – Schokolade, Kaffee, Thee, Schnaps. Gegenüber heutigen "Fress-Boutiquen" hat sich eigentlich gar nichts geändert. Gar nichts.

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Kaffee Hag, koffeinfrei, schon damals, der Malzkaffee fürs schwache Herz (der Solinger sagte "Muckefuck" dazu, von franz. mocca faux, falscher Kaffee). Und Vitella Butter; gibts nicht mehr, heute heisst nur noch eine Strauchtomatensorte so und ein Fertigprodukt für Metzger.

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Der Ladenbesitzer. So gut angezogen ging man damals auf die Straße – und nicht wie heute im Schlabber-Freizeitlook. Nämlich mit Schirme, Charme und Melone. Und Paletot (das ist der Mantel). Und Stehkragen! Und Handschuhe. Und blankgeputzen Schuhen.

In der Tür der Laufbursche (oder Kontorist) und das Ladenmädchen. Noch zwei Bedienstete, die es kaum wagen, hervorzulugen.

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Wenn der Fotograf kam, mussten alle mal aus dem Fenster schauen. Möglicherweise eine Mieterin im Haus, oder die Schwester des Ladeninhabers, wer weiß.

Und der Großvater. Vielleicht der Gründer des Ladens. Ein wenig traurig schaut er aus.

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Die Gnädige Frau, Madame des Hauses mit Lieblingstochter.

Die Großmutter, mit zwei Enkeln.

Das Dienstmädchen.

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Nun ist es amtlich. Das Bergische ist ein Entwicklungsland. Unterentwickeltes Gebiet; sozusagen ein Drittland innerhalb NRWs. Und ganz, wie es seine Mentalität ist, freut sich der Bergische über solch depremierende Nachrichten. Kann Mann sich doch auf zwei kürzer geratene Frauen stützen – sichtlich vergnügt. "bergisch / Keiner wie wir" wird da getextet, was wiederum nach heutigem subtilem Sprachempfinden die Damen außen vorlässt. Ein kleines W im Kreis, ähnlich dem C für Copyright oder TM für Trademark, Handelszeichen, macht auf Wuppertal aufmerksam.

Eben ein Meilenstein fürs Bergische, nun endlich einmal laut klagen und stöhnen zu dürfen, man bedürfe der Hilfe. Die Arbeitsplatzverluste sind seit Jahrzehnten real, jeder beobachtet sie in seinem engsten Umkreis – oder ist betroffen davon. Wenn die Politik bis jetzt nicht reagiert hat, was soll sie denn eigentlich jetzt noch tun? Doch wie gesagt, nun ist man glücklich – überglücklich sogar, wie zu lesen ist. Merke: Nehmen ist einfacher als Geben.

ST, 9. 11. 2006

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In einer geradezu historischen Dokumentation, die man sich gut aufheben sollte, fasst das ST anlässlich der 100-Jahr-Feier der Solinger Kreishandwerkerschaft via vielen kleinen Annoncen eine Vielzahl der noch existenten Handwerksbetriebe zusammen. In wenigen Jahrzehnten wird dies ein wehmütiges, nostalgisches Dokument sein und wiederum solchen Internet-Seiten wie "Solingen-Internet" als Material dienen, an die verschwundene Vergangenheit zu erinnern.

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19. Mai 2006

Dem sozial Demokraten wo so seine Sprache ist die Logick nicht so gans. Verwäckselt er doch wida Mahl Organisation mit Arbeit. Denn laut die Meinung von dem SPD ist man hier erst seit 100 Jahren ehrbar zu Gange. Und Solingen wär gar nicks ohne die Hand-Werker. Vorher, vor die hundert Jahre, haben die unährenhaft getan und gemacht, wohl.

Und was die Wir-in-Solingen-CDU angeht, so wirkt der Imperativ auf mich wie eine höhnische Drohung: Na, dann seht mal zu, wie weit ihr kommt. Denn von wem, wenn nicht von der Politik, hängt es wohl in erster Linie ab?

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Vor 20 Jahren, sagt der alte Obermeister, habe er den Notstand der Bildungsmisere beklagt. Was zu zwei Reaktionen Anlass gibt: ihn als Meckerbolzen abzutun. Das wäre einfach und bequem. Aber ungerecht und sachlich völlig falsch. Oder eben aber den politischen Gratulanten – auch die FDP steuert einen Text bei, der die Pisa-Studie belegt, nämlich an Belanglosigkeit nicht überbietbar ist – offiziell Zynismus bescheinigen. Sie wussten, was falsch läuft. Interessiert das in diesen Tagen in diesen Landen noch ein Schw... ? Nein. Die Solinger Industrie, über Jahrhunderte repräsentiert durch typische Handwerksberufe, ist nur noch in letzten Resten vorhanden (siehe "Entwicklungsland"). Die Politik nimmt's zur Kenntnis, grunzt und wühlt weiter im selbst verursachten Mist.

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Ja, gibt's das denn wirklich? Schwebt am alten Hauptbahnhof ein Obus vor der Lutherkirche rum, und das Fernsehen berichtet live? Vielleicht hat sie ja nur geträumt, die Solinger Fotografin Kerstin Ehmke-Putsch. Mehr Bilder von ihr, realistische, sehen Sie hier:



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