Totterblotschen (42)

Die Situation in Solingen ist verfahren. Als geselliger Mensch besuchen mich zuweilen auch Menschen von "auswärts". Und vor allem in der Zeit, da ein Navigationsgerät noch nicht Standard in einem Auto war, gerieten solche Einladungen zu einer Zitterpartie. Kamen sie an oder nicht? Oft, sehr oft, irrten sie umher. Und ich kenne zig dutzend Leute, die behaupten, als Ortsfremder sei es unmöglich, sich in Solingen zu orientieren. Was mich schmunzelnd macht: Selbst als Eingeborener fällt es mir schwer, den Überblick zu behalten. Aber wer will das auch schon. Wenn es richtig kürmelig wird, fühlt sich der Bergische wohl. In diesem Sinne: hier sind ein paar kürmelige Seiten (falls Sie nicht wissen, was ,kürmelig' ist: na, halt kürmelig).

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Karstadt, Kunst und cooler stuff

Kerstin Ehmke-Putsch kann's nicht lassen: entweder, sie zeigt die Schrotthaufen der Stadt oder sie zeigt die Stadt so schön, dass man sie für ein Gesamtkunstwerk halten könnte. Wie das alte Karstadt-Gebäude/Turmzentrum-Hochhaus, welches zu einer Fotomontage gespiegelt wurde, die alle optischen Erfahrungen der Realität total außer Kraft setzt. Sie werden es nicht glauben wollen, aber dies ist "der Turm", das Wahzeichens Solingens. Eben nur anders gesehen. GENIAL.

Foto: Kerstin Ehmke-Putsch


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Echter Blick, dennoch Rätsel?

1957 sah es auf der damaligen "Oberen Hauptstraße", heute Konrad-Adenauer-Straße so aus. Einige Häuser sind heute noch erhalten, viele aber eben auch nicht mehr. Daher noch einmal ein genauerer Blick in die jüngere Geschichte Solingens.


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Das Mühlenplätzchen damals – und heute. Denn wenn auch die Reklame mit dem Kaffee nicht mehr zu sehen ist, die Häuser existieren noch (Eisdiele, Fotogeschäft, Apotheke). Auch die Dresdner Bank hat schon wieder neu gebaut. Darüber hinaus ist doch in der Hauptstraße eine große Lücke (wo heute z. B. das Gebäude steht, in dem zur Zeit Woolworth eingemietet ist).

Die Deutsche Bank ist noch im "alten Neubau" (vorne links) untergebracht.


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Scheinbare Uralt-Modelle der Autos – aber "erst" 50 Jahre her. Herrlich der (Opel-?) Lieferwage von Möbel Born.


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Gewusel in der Stadt: selbst Zebrastreifen gab es, und natürlich Motorräder mit Beiwagen als Alltags-Fahrzeuge. Einbiegung in die Kurfürstenstraße.


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Aber auch außerhalb des direkten Stadtkerns, doch noch innerhalb des Stadtgebietes, fällt die Orientierung schwer, obwohl eigentlich (fast immer) alles erhalten geblieben ist – aber eben dennoch anders aussieht. Wer ahnt schon, dass es sich hier um die Hofschaft – na, welche handelt?
– Es ist B.l..a.s.n

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Und hier kann man nun sehen, wie alles zusammenhängt: Blick von den Hohenscheid-Klippen über Balkhausen bis hin zum Pfaffenberg.


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Nach einer Wanderung durch die Wupperberge und wieder hinauf auf die Höhen hätte man hier einkehren können, im (heute noch so existenten) Cafè ..i. in ..d..r. !

Erraten?


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Auch diese Szene war so, wie sie heute ist, oder umgekehrt, ist heute auch noch nicht viel anders. Ein bißchen schon, und daher gilt wieder, zu raten oder zu wissen, na klar, auf einem Blick ist alles klar, dass kann nur der ..r.t...tz von .r..r..h sein.


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Noch mehr Damals

Als staatlich geprüfter Korintenkacker und wortkläubiger Journalist frage ich mich ja ständig, wie verräterisch Worte sind. Wenn es damals ein Haus der freien Gewerkschaften gab und heute die Gewerkschaft kein eigenes Haus mehr hat, ist sie dann unfrei? Ich fürchte, ja. Dieses Haus stand einst am Dicken Busch. Heute riskieren die Gewerkschaften oft nur noch eine dicke Lippe. Oder markieren den Dicken Otto. Haben es dicke hinter den Ohren. Bewegen sich träge wie Dickschiffe. Und blasen die dicke Backe auf. Während die Funktionäre auf ihrem dicken Arsch sitzen (1. Klasse Hawaii, siehe Bsirske, Verdi). Ach, du dicke Neune. Das ist ja wirklich ein dickes Ding. Davon hab ich jetzt dicke genug.
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Oben: Modell des Werther Hammers bei Kohlfurt. Mehr dazu bei Dr. kott. Tettinger:



Warum Gewerkschaften gegründet wurden, kann man sich vielleicht ausmalen, wenn man konkret sieht, unter welchen Bedingungen früher gearbeitet werden musste – von (unsichtbarer) Entlohnung und deren Ungerechtigkeiten ganz zu schweigen. Da war es dann auch ein gewaltiger Fortschritt, als die "unlösbare Einheit Gewerkschaft—Partei (SPD)—Spar- und Bauverein (Solingen)" [wörtliche Aussage eines einflussreichen Kommunalpolitikers] bessere Wohn- und Lebensbedingungen verwirklichte, als die Hucken der Kotten und Fabriken den Menschen aufzwangen, in Dreck, Krach und Kälte arbeiten zu müssen.

Unten: Modell der Siedlung Kannenhof.


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Auf der einen Seite die Arbeiter, auf der anderen die Fabrikanten. Von denen gab es nicht wenige in Solingen, und wenn auch kein überbordender, aber bürgerlicher Reichtum einer gut verdienen-den Kaufmannschaft war üblich in dieser Statdt (wovon sie übrigens noch immer träumt). Carl Friedrich Ern, postum 1925 portraitiert (C. F. Ern starb 1924) vom bekannten Solinger Fachschullehrer, Grafiker und Maler Ludwig Füllbeck, ist einer von ihnen. Er baute einer jener vielhundertfach vorhandenen typischen Solinger Stahlwaren-Fabriken nebst -Handel auf. Seine Nachfolgegeneration dagegen brachte das Unter-nehmen in Verruf, als die nunmehrige Ern-Gruppe nebst verbundenener (oft ausändi-scher) Firmen aufs Unrühmlich-ste durch die Medien ging: als eines jener reißerischen Ver-triebsfirmen, die Gewinne versprachen, aber nicht aus-zahlten. Bis einige Betroffene diesen gerichtlich erstritten und bekamen. Schließlich machte das Unternehmen Konkurs, ist aber nun wieder mit einem Versandhandel aktiv. Carl Friedrich Ern ahnte von dem sicherlich nichts, er galt in (Solingen-) Wald als konser-vativer Kaufmann.